Letztens durfte ich wieder einmal erleben, wie nah mein Hobby – das Gleitschirmfliegen – und mein beruflicher Alltag bei PLANSITE, dem integralen Planungsbüro der Brüninghoff Group, eigentlich beieinanderliegen.

Nach langer Durststrecke war endlich wieder Flugwetter vorhergesagt. Die Bedingungen waren allerdings anspruchsvoller als zunächst erwartet, und ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt starten wollte. Als ein Fliegerkollege Markus aus der Luft per Funk bestätigte, dass die Bedingungen für mich gut handhabbar seien, fiel die Entscheidung: Starten.

Der Schlepp verlief überraschend ruhig. Heute weiß ich: Genau das hätte mich stutzig machen müssen.

  1.  Ohne klares Ziel wird alles schwierig

Der Fehler passierte nicht nach dem Ausklinken – sondern schon während des Schlepps.

Nach dem Ausklinken fehlte mir zunächst ein konkreter Plan. Ich flog hierhin, probierte dort etwas aus, suchte Aufwind in die eine und dann wieder in die andere Richtung. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten: Wenige Minuten später stand ich bereits wieder am Boden.

Auf dem 20-minütigen Fußweg zurück zum Startplatz wurde mir schnell klar, dass der eigentliche Fehler nicht erst nach dem Ausklinken passiert war.

Er begann bereits während des Schlepps.

Die Bedingungen vor dem Start waren anspruchsvoller als zunächst erwartet und ich hatte einen großen Teil meiner Aufmerksamkeit darauf verwendet, überhaupt die Entscheidung zum Starten zu treffen. Als der Schlepp dann überraschend ruhig verlief, war ich zunächst erleichtert.

Im Nachhinein hätte mich genau diese Ruhe aufmerksam machen müssen. Statt die Ruhe der Luft als Hinweis auf schwache oder ausbleibende Thermik zu interpretieren und bereits im Schlepp nach den nächsten Thermikauslösern zu suchen, war ich gedanklich noch mit meiner ursprünglichen Frage beschäftigt:

„Will ich bei diesen Bedingungen überhaupt fliegen?"

Die eigentlichen Fragen stellte ich mir erst später:

  • Wo könnte sich die nächste Thermik ablösen?
  • Welche Bereiche eignen sich als Auslöser?
  • Und wäre es nicht sinnvoller gewesen, noch eine weitere Stufe am Seil zu fliegen, um das Gelände besser analysieren und auf die nächste Thermikablösung warten zu können?

Diese Fragen stellte ich mir erst, als ich bereits wieder am Boden stand.
Der anschließende Fußweg zurück zum Startplatz lieferte genügend Zeit für die Analyse.

Die Erkenntnis:

  • Nicht jede Situation erfordert sofortiges Handeln.
  • Aber jede Situation erfordert Aufmerksamkeit und bewusste Entscheidungen

Auch bei komplexen Bauprojekten geht es nicht nur darum, ein Ziel zu haben oder Entscheidungen zu treffen. Genauso wichtig ist es, die aktuelle Situation richtig zu bewerten, vorhandene Informationen zu nutzen und rechtzeitig die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Wer gedanklich noch bei vergangenen Entscheidungen festhängt, übersieht manchmal genau die Hinweise, die für die nächsten Schritte entscheidend wären.

 

  1. Raus aus der Komfortzone

Die besten Aufwinde liegen selten in der Komfortzone

Zurück am Startplatz beschloss ich, konsequenter zu fliegen. Bereits der nächste Schlepp führte durch eine kräftige Thermikblase, die mich schlagartig aus meiner Komfortzone katapultierte. Die Luft war deutlich unruhiger als zuvor, der Schirm arbeitete spürbar und mein erster Impuls war ehrlich gesagt: „Am liebsten würde ich jetzt direkt ausklinken.“

Zum Glück gewann die Vernunft die Oberhand, denn objektiv waren die Bedingungen für meinen Trainingsstand absolut beherrschbar. Ich blieb konzentriert, hielt durch und ließ mich bis zum Ende der Schleppstrecke ziehen. Die Entscheidung wurde belohnt. Kurz darauf befand ich mich im Aufwind und konnte die Thermik konsequent auskurbeln.

Meter für Meter ging es nach oben. Bis auf knapp 1.200 Meter über dem Münsterland.

Im Rückblick war die kräftige Thermikblase beim zweiten Start nicht nur der Beginn des erfolgreichen Fluges, sondern auch eine wichtige Erinnerung daran, wie eng Lernen und Komfortzone miteinander verbunden sind.

Als die Thermik den Schlepp so unruhig machte und der Schirm stark arbeiten ließ, wollte ich nur noch raus aus der Situation. Aber genau oberhalb dieser turbulenten Phase warteten die Aufwinde, die den Flug überhaupt erst möglich machten.

Diese Erfahrung begegnet mir nicht nur in der Luft.

Auch in Projekten entstehen Entwicklung und Fortschritt selten dort, wo alles vertraut und bequem bleibt. Neue Aufgaben, ambitionierte Ziele, innovative Ansätze oder die Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachdisziplinen bringen häufig zunächst Unsicherheit mit sich.

Das bedeutet aber nicht, Risiken zu ignorieren und unvorbereitet zu handeln.

Echte Schritte nach vorne entstehen erst durch die Kombination aus Erfahrung, Vorbereitung und einem bewussten Risikomanagement.

Die spannendsten Perspektiven und die größten Entwicklungsschritte entstehen oft dort, wo wir bereit sind, unsere Komfortzone kontrolliert zu verlassen.

 

  1. Warum erfolgreiche Projekte und Streckenflüge gleich funktionieren

Kein Streckenflug gelingt wegen einer einzigen Sache

Wer Gleitschirmfliegen nur von außen betrachtet, könnte meinen, es gehe vor allem darum, mit einem Schirm in der Luft abzuhängen.

In Wahrheit entsteht ein erfolgreicher Streckenflug nur, wenn unzählige Faktoren wie Puzzleteile perfekt ineinandergreifen:

  • Thermik & Aufwinde
  • Windrichtung & Windstärke
  • Wolkenentwicklung & Geländestruktur
  • Geländestrukturen und geeignete Landemöglichkeiten
  • Luftraumvorgaben & Sicherheitsaspekte
  • persönliche Tagesform & Trainingsstand

Keiner dieser Faktoren entscheidet allein über den Erfolg. Entscheidend ist das Zusammenspiel.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erinnert mich das an die Arbeit bei PLANSITE.

Genau hier liegt die direkte Parallele zu meinem Alltag bei PLANSITE. Denn auch bei der integralen Planung von Bauprojekten gibt es nicht die eine Disziplin, die ein Projekt erfolgreich macht.

Architektur, Tragwerksplanung, Technische Gebäudeausrüstung, Bauphysik, Nachhaltigkeit, Brandschutz Wirtschaftlichkeit und rechtliche Aspekte etc. müssen kontinuierlich aufeinander abgestimmt werden.

Wie beim Fliegen greifen zahlreiche Komponenten ineinander. Komplexe Systeme werden nicht durch Einzeloptimierung erfolgreich, sondern durch gutes Zusammenspiel.

 

  1. Was Gleitschirmfliegen über Risikomanagement lehrt

Safety First – Warum gutes Risikomanagement auch bedeutet, verzichten zu können.

Der Flug führte zunächst mit dem Wind Richtung Borken und Heiden und bot mir schnell die erste Bewährungsprobe für meinen Fokus: Ich überflog in 1.200 m Höhe das Gelände unseres Kunden @Krampe Fahrzeugbau. Für einen Moment fühlte sich das an wie eine sehr ungewöhnliche Baustellen- beziehungsweise Projektbesichtigung. Die Perspektive von oben machte einmal mehr deutlich, welche Dimensionen moderne Industrie- und Produktionsstandorte haben.

Die Versuchung war groß: „Ein schnelles Foto aus dieser Perspektive wäre doch großartig.“ Die Sicht war perfekt – die Bedingungen allerdings nicht. Die unruhige Luft verlangte meine volle Konzentration. Also blieb das Handy in der Jacke – es ging ohne Foto weiter gen Westen.

Als ich mich im weiteren Verlauf von 300 m über Velen wieder auf über 1.100 m hinauf gekurbelt hatte, kam Heiden in den Blick. Plötzlich lag mein tägliches Arbeitsumfeld dort unten, und der Gedanke war extrem reizvoll, Kurs darauf zu nehmen und „Brüninghoff-City“ von oben zu inspizieren. Doch die Windrichtung und die schwächer werdende Thermik ließen vermuten, dass dieser Extratrip den Flug deutlich verkürzt hätte. Also wurde der Plan angepasst. Die Perspektive aus der Ferne musste reichen. Immerhin waren die Bedingungen mittlerweile ruhig genug für ein Foto. Sogar das Betonfertigteilwerk war im Hintergrund meines Selfies zu erkennen.

Im Nachhinein war genau das die richtige Entscheidung – bei beiden Situationen.

Risiken verschwinden nicht dadurch, dass man sie ignoriert.

Entscheidend ist vielmehr, Risiken frühzeitig sichtbar zu machen, Wechselwirkungen zu verstehen und auf Basis der verfügbaren Informationen fundierte Entscheidungen zu treffen.

Das gilt in der Luft. Und genauso in komplexen Projekten: Nicht jede Chance muss sofort genutzt werden, wenn die Rahmenbedingungen es nicht zulassen. Wer das Wesentliche aus den Augen verliert, um jedem Impuls nachzujagen, riskiert das Gesamtergebnis.

 

  1. Der Hebel liegt im Prozess

Konzentration auf den Prozess statt starrer Blick auf das Endergebnis.

Eine weitere Erkenntnis dieses Fluges war die Bedeutung von Prozesszielen.

Natürlich wäre es schön gewesen, eine exakt vorher festgelegte Distanz oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Aber solche Ergebnisse lassen sich in der Luft nur bedingt erzwingen.

Was ich dagegen aktiv beeinflussen konnte, war mein Verhalten im Prozess:

  • Aufmerksam bleiben und die Umgebung beobachten
  • Thermiken konsequent auskurbeln
  • Entscheidungen im richtigen Moment treffen
  • Risiken realistisch bewerten und die Situation regelmäßig neu beurteilen

Genau diese Konzentration auf die Qualität der einzelnen Schritte führte am Ende dazu, dass ich immer wieder Thermikanschluss fand und einen großartigen Flug erleben durfte.

Auch in komplexen Projekten liegt der größte Hebel oft nicht im ständigen, starren Blick auf das finale Endergebnis. Er liegt in der Qualität der täglichen Entscheidungen und der konsequenten Umsetzung der nächsten sinnvollen Schritte und der Beantwortung der Frage „Was ist jetzt wichtig?“

Wer sich zu sehr auf ein starres Ziel fixiert, verpasst oft die dynamischen Anpassungen, die der Weg dorthin erfordert.

Ergebnisse sind wichtig. Prozesse entscheiden oft darüber, ob wir sie erreichen.

 

  1. Zwischen Plan und Realität liegt die eigentliche Arbeit.

Ein gutes Ziel bleibt wichtig. Der Weg dorthin darf sich ändern.

Natürlich hatte ich während des Flugs verschiedene Ideen, wie weit ich kommen könnte. Mit zunehmender Flugzeit wurde die Thermik schwächer. Auf dem Weg Richtung Westen stand ich permanent vor neuen Fragen: Auf welchen Bereich setze ich als Nächstes? Wann lohnt sich das Suchen noch – und wann ist es Zeit, eine sichere Landemöglichkeit anzupeilen?

Genau diese Fähigkeit zur kontinuierlichen Anpassung macht sowohl gutes Streckenfliegen als auch erfolgreiche Projektarbeit aus. Rahmenbedingungen und Anforderungen ändern sich. Erfolgreich ist nicht, wer stur am ursprünglichen Plan von Tag 1 festhält, sondern wer das Ziel im Blick behält und flexibel auf neue Erkenntnisse reagiert.

Nach knapp zwei Stunden landete ich schließlich kurz vor Hamminkeln – zufrieden, glücklich und um einige Erkenntnisse reicher.

Dank unseres Vereinsnetzwerks (Danke an Andi + Rainer) war auch die Rückfahrt schnell organisiert, und wenig später saßen wir gemeinsam an unserer Airbase beim Grillen und genossen den Sonnenuntergang.

 

Was am Ende neben einem perfekten Start ins Wochenende bleibt, ist die Erkenntnis, dass gute Projekte und gute Streckenflüge erstaunlich viel gemeinsam haben:

✅ Klare Ziele helfen.

✅ Kontinuierliche Anpassung ist unverzichtbar.

✅ Risikomanagement schafft die Grundlage.

✅ Wirkliche Höhe entsteht, wenn viele Faktoren erfolgreich zusammenspielen

 

PS: Ein herzliches Dankeschön ans gesamte Schleppteam, insbesondere Heike + Helmut. Denn wie im Projektgeschäft gilt auch im Flachland: Ohne ein starkes Team kommt niemand besonders weit – und schon gar nicht in die Luft. 🪂🚀